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Ein Bus ohne Fahrziel – Riklin-Brüder lancieren «Linie Null»
Wenn Ihnen im Raum Baden–Wettingen ein offizieller Bus mit der digitalen Anzeige «Irgendwo via neue Wirklichkeit» auffällt, ist das kein Irrtum, sondern Absicht: In Komplizenschaft mit den Regionalen Verkehrsbetrieben Baden-Wettingen (RVBW) lancieren die St. Galler Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben (bekannt auch als Erfinder des «Null Stern Hotel») die «Linie Null» als künstlerisches Experiment im öffentlichen Verkehr.
Das Projekt kehrt das Prinzip des ÖV bewusst um: Busse fahren ohne festes Ziel. Das vorsätzliche «Falschfahren» wird zum Ereignis. Der Projektstart findet am Donnerstag, 30. April 2026, um 11 Uhr an der Haltestelle Baden, Bahnhof Ost statt. Bei Erfolg soll die Idee gemeinsam mit dem Zukunftslabor und weiteren Schweizer Verkehrsbetrieben ausgeweitet werden.
Anstiftung zum Ausbruch
«Linie Null» ist eine Vision für Schweizer Städte, bei der offizielle Busse ohne Fahrplan und Ziel im bestehenden Liniennetz unterwegs sind. Fahrgäste können kostenlos ein- und aussteigen – nicht, um möglichst effizient von A nach B zu kommen, sondern um aus dem Alltag auszubrechen und sich überraschen zu lassen. «Die Buslinie Null versteht sich als Vehikel und gesellschaftlicher Treiber für neue Wirklichkeiten, bei dem der Mensch und das Ungeplante im Zentrum stehen», so die Riklin-Brüder unisono. «Der Zufall wird zum Reisebegleiter.» Im Rahmen des Pilotprojekts mit den RVBW soll die riklinsche Versuchsandordnung im gesamten RVBW-Netz für drei Wochen getestet werden.
Haben Sie heute schon genullt?
Mit der «Linie Null» setzen die Riklin-Brüder dem Optimierungswahn und -druck moderner Mobilität eine radikale Gegenidee entgegen: Statt Effizienz zählt das Unerwartete, statt Zielorientierung die Offenheit für das, was unterwegs entsteht. Der Bus wird zum sozialen Möglichkeitsraum – ein Ort für unübliche Begegnungen, überraschende Gespräche und neue Perspektiven. Genau hier setzt auch Irina Leutwyler, Direktorin der RVBW, an: «Wir glauben, dass die Zukunft der Mobilität nicht nur im schnelleren Ankommen liegt, sondern im bewussteren Unterwegssein. Die Linie Null ist ein Versuch, den öffentlichen Busraum wieder als sozialen Erfahrungsraum zu aktivieren. Damit wird der Bus zum «Resonanzraum» im Sinne des Soziologen Hartmut Rosa, in dem Menschen nicht nur funktional unterwegs sind, sondern in Beziehung zur Welt treten.»
Lebendigkeitsbooster im grauen Alltag
In einer zunehmend durchgetakteten und digitalisierten Welt schafft die «Linie Null» einen analogen Raum für Zufall und unmittelbare Erfahrung. Ein Lebendigkeitsbooster auf acht Rädern. Wer einsteigt, lässt Kontrolle zurück und gewinnt Aufmerksamkeit: Bewegung ohne klares Ziel schärft die Wahrnehmung und öffnet Raum für Zufall und Interaktion. Die Inhalte entstehen nicht durch Planung, sondern durch die Menschen selbst. Die Stadt Baden unterstützt das Projekt und sieht darin positive Impulse, wie Stadtammann Markus Schneider betont: «Die Linie Null ist eine Einladung zum Abenteuer, zum vermeintlichen Umweg und zur Stärkung sozialer Verbundenheit. Eine offene Gesellschaft ist der Nährboden für eine zukunftsfähige Stadt.»¨
Vision für Schweizer Städte
Das Konzept «Linie Null» der Riklin-Brüder ist als skalierbare Vision für weitere Schweizer Verkehrsbetriebe gedacht. Es verbindet Themen wie Future Mobility, Stadtbelebung und Inklusion zu einem möglichen neuen Schweizer USP gesellschaftlicher Innovation. Der dreiwöchige Pilot in Baden-Wettingen dient als «Erfahrungssammler» und untersucht das gesellschaftliche Bedürfnis sowie die Anschlussfähigkeit eines solchen Angebots. Statt Billette zu kontrollieren, werden im Bus stichprobenmässig Gedanken der Fahrgäste zur «Linie Null» gesammelt. Gleichzeitig versteht sich die «Linie Null» als möglicher Beitrag gegen Einsamkeit und zur Förderung einer offenen Gesellschaft durch soziale Diversität im öffentlichen Raum. Dieses Potential sieht auch Markus Haas, Gemeindeammann von Wettingen, der das Projekt ebenfalls unterstützt: «Gerade in der heutigen Weltlage wird deutlich, wie wichtig persönlicher Kontakt für den Zusammenhalt sein kann. Dieses Projekt bietet eine spielerische Gelegenheit, wieder in echten Austausch zu treten und einander neu zu begegnen.»
Einladung zum Startschuss
Die Erstfahrt der «Linie Null» startet am Donnerstag, 30. April 2026. Um 11 Uhr bringen die Künstler Frank und Patrik Riklin die letzten «Linie Null»-Kleber in den Haltebuchten des Busbahnhofs an. Um 11.30 Uhr tritt der Bus erstmals offiziell in Erscheinung und unternimmt seine Erstfahrt. Danach startet die dreiwöchige Pilotphase. Ende Mai wird Bilanz gezogen.
Fahrdaten der Linie Null (jeweils 11.30 / 15.30 Uhr ab Baden Bahnhof Ost):
Woche 1: 30. April, 1. Mai, 2. Mai
Woche 2: 6. Mai, 8. Mai, 9. Mai
Woche 3: 13. Mai, 15. Mai, 16. Mai
Ausbruch-Tickets
Im RVBW-Kundencenter Baden, Bahnhofsplatz 1, sind nummerierte oder signierte Tickets von Frank und Patrik Riklin als Kunst-Edition erhältlich.
Weitere Infos unter www.rvbw.ch/fahrplane/linienull/
Zu den Künstlern
St.Gallen. 1999 gründeten die Zwillinge das künstlerische Kleinst-Unternehmen «Atelier für Sonderaufgaben», mit dem Ziel, unabhängige und kompromisslose Kunst zu produzieren und Sonderaufgaben wahrzunehmen, für die sich niemand so richtig zuständig fühlt. Seit 20 Jahren gehen sie der Frage nach, inwieweit sich das Potential der Kunst erweitert, wenn sie den repräsentativen Rahmen verlässt und direkt in sozial gesellschaftliche Realitäten eingreift. Wo liegt die Schnittstelle zwischen Kunst und Alltag, Wirtschaft und Gesellschaft? Wie verändert sich die Rolle des Künstlers, wenn Kunst dort platziert wird, wo man sie am wenigsten erwartet? Frank und Patrik Riklin inszenieren sich als Akteure zwischen Kunst, Gesellschaft und Ökonomie. Sie behaupten, Kunst müsse nicht funktionieren, sondern wirken und erfinden die Disziplin Artonomie. Die Künstler kooperieren mit öffentlichen Institutionen als auch Unternehmen und entwickeln Ideen, die neue Wirklichkeiten schaffen. Auf diese Weise schaffen sie nicht nur eine Unabhängigkeit von der klassischen Kunstfinanzierung, sondern provozieren außerdem Unsicherheit über Charakteristika ihrer Profession. Sie eröffnen damit neue Wirkungsfelder. Mit den Werken «Null Stern Hotel» (2008/2016/2022), «BIGNIK» (fortlaufend seit 2012) und «Fliegen retten in Deppendorf» (2012) erreichten sie in den vergangenen Jahren internationale Bekanntheit als Konzept- und Aktionskünstler.
Weitere Infos zu den Künstlern unter www.sonderaufgaben.ch
Bildbeschrieb: Der Glanz einer neuen Wirklichkeit. Die St.Galler Konzeptkünstler Frank & Patrik Riklin polieren die Anzeige der «Linie Null».
Bildrechte: ©BodoRüedi